Karfreitag – das Tor zum neuen Leben

Sie nahmen Jesus aber, und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.
(Johannes 19, 16b-18.25-30)

Karfreitag – das ist der Tag, an dem der Tod Jesu am Kreuz im Mittelpunkt steht. Der Karfreitag stellt uns vor Augen, wie Jesus selbst den Tod auf sich genommen hat. In Jesus geht Gott in unseren Tod mit hinein. Er geht mit hinein in unsere Angst und in unsere Machtlosigkeit. Jesus weicht nicht aus. Er lässt sich kreuzigen und nimmt den Tod auf sich. Tod, Angst und Machtlosigkeit – das sind Gefühle, die auch heute angesichts der Corona-Pandemie in vielen von uns sein mögen. Bilder und Nachrichten bestimmen unsere Gedanken, prägen unsere Gefühle. Karfreitag mag uns in dieser Zeit ganz nahe sein angesichts dessen, was wir gerade erleben. Karfreitag – das mag uns nahe sein, wenn wir die Ungewissheit in uns spüren.

Der Evangelist Johannes erzählt uns in seiner Schilderung der Kreuzigung Jesu eine Begebenheit, die bemerkenswert ist. Da stehen Maria, die Mutter Jesu, und der Jünger Johannes beim Kreuz. Sie können nichts mehr für Jesus tun. Sie sind machtlos. Gerade da tut Jesus noch etwas für sie. Ihm ist es nicht gleichgültig, wie es mit ihnen weitergeht. Er weist sie an, füreinander da zu sein. Er schafft Verbindung zwischen ihnen. Eine Verbindung zum Leben soll es sein. Wie Mutter und Sohn sollen sie füreinander da sein. Maria und der Jünger Johannes – sie sollen gemeinsam den Weg weitergehen. Den Weg, der hier unter dem Kreuz in Trauer und Verzweiflung beginnt, der dann jedoch ein Weg des Lebens wird.

Jesus ist es nicht gleichgültig, wie der Weg weitergeht. In ihm zeigt uns Gott: Ihr seid mir nicht gleichgültig. So wie Jesus Maria und dem Jünger Johannes zeigt, wie sie gemeinsam diesen Weg weitergehen können, so will er auch uns zeigen, wie unser Weg weitergehen kann. Den Weg gemeinsam zu gehen – das hilft. So, wie Jesus es seinen Jüngern gesagt hat: Wo zwei oder drei versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.

Gerade, wenn wir uns heuer an Karfreitag und zum Osterfest nicht in der Kirche versammeln können, kann es uns Kraft geben, dass wir vor Gott doch versammelt sind – im Gebet, Andacht und Stille. Im Nachdenken über Gottes Wort. Wir sind versammelt und haben Gemeinschaft in den Gesprächen am Telefon und der Kommunikation über das Internet.

Jesus weist uns aneinander, wie er Maria und den Jünger Johannes aneinander gewiesen hat. Er selbst geht den Weg in den Tod hinein. Er selbst geht durch den Tod hindurch zu neuem Leben. Da, wo wir keinen Ausweg sehen, wo Zweifel und Angst uns bedrohen wollen, weist er uns den Weg. Denn ihm sind wir nicht gleichgültig. In Jesus ist Gott da und bleibt da. Wenn wir einander stärken, aufeinander achten und miteinander – wenn auch räumlich getrennt – den Weg gehen, mag etwas aufleuchten von dem neuen Leben, das hinter der Finsternis scheint – gerade auch da, wo wir noch nicht davon sehen. Da, wo wir dieses Licht noch nicht sehen können, fügt Jesus uns zusammen und weist uns aneinander, damit wir unseren Weg gehen können mit und durch all der Ungewissheit und allem, was uns jetzt bedrängen mag.

Da, wo wieder Licht aufscheint in unserer Dunkelheit, da, wo wir etwas spüren von Halt und Geborgenheit, da steht auch über unserem Weg das Wort „Es ist vollbracht“. Denn immer dann ist etwas besiegt von der Dunkelheit, die uns die Hoffnung rauben will. Dann ist etwas besiegt von der Macht des Todes.

Karfreitag – ein Tag, an dem Tod und Leid im Mittelpunkt stehen mögen. Doch gleichzeitig ist Karfreitag, das Tor zum neuen Leben – durch alle Trauer, durch alle Ungewissheit, durch alle Angst hindurch.

Ihr Pfarrer

Jens Arnold

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